Ihre Finger umfassen den Stift. Sie betrachtet
die Linien auf dem Blatt: eins, zwei, drei.
Unendlich viele Linien ergeben ein Bild.
Sie sagt: Schau.
Du spannst Papier auf Tische.
Sie malt Katzen und Blumen.
Vögel und Fische. Wespen,
Bienen, Fliegen:
Flügeltiere.
Sie fabuliert. Gibt den Tieren Eigenschaften. Namen und Farben.
Konturen, Kostüme, Köpfe. Mädchen mit Pfeil und Bogen.
Mädchen mit Flügel.
Sie bemalt Bücher und Hefte. Den Ermahnungen ihrer Lehrer
schenkt sie keine Beachtung. Sie wird nicht die Leserin,
die du erwartest. Dazu fehlt ihr die Zeit.
Sie malt am Tag und sie malt in der Nacht
und du sagst: Schlaf. Da lacht sie:
und malt.
Sie drapiert Gegenstände in Bäume und auf Wiesen. An Ufern.
Die Langeweile kommt erst in der Schule. Beim Malen
aber: Kein Müssen. Kein Lehrer. Kein Plan.
Sie malt, wie sie will und du denkst:
Wie klug sie ist.
Du betrachtest die Frauenköpfe, die verbundenen Augen: Schau.
Du denkst, sie ist ein wenig müde. Du rahmst die Köpfe ein,
du hängst sie an die Wand. Lobst ihre Strichführung.
Das Schwarz. Die roten Linien dazwischen.
Wunderst dich über Wunden, über verbundene Münder.
Über durchgestrichene Worte in Sprechblasen.
Du machst dir wenig Sorgen.
Irgendwann geht sie nicht mehr weiter.
Bleibt sie einfach stehen.
Bleibt auch die Welt
stehen.
Sie war bereits eine Frau, denkst du.
Jetzt wird sie wieder ein Kind.
Wird durchsichtig.
Du prüfst ihre Schattenaugen.
Du tust, was du immer tust: Kochst Suppe, erinnerst sie an Schlaf.
Bringst sie an weiße Strände, kaufst ihr helle Blusen.
Sie bleibt länger in der Stadt, spricht nicht viel.
Du denkst, sie spielt dein Spiel nicht mehr.
Du denkst, sie spielt jetzt ihr
eigenes Spiel.
Du siehst die schwarzen Linien.
Du denkst, es ist eine schwarze Zeit.
Du denkst, es geht vorbei.
Du sprichst nicht über die Köpfe, aber die Köpfe sprechen.
Sie sind vorgeführt, ausgestellt. Du hast keine Worte dafür.
Lobst weiter ihren Ausdruck, seinen Abgrund.
Du hast auf sie aufgepasst.
Du hast sie getröstet.
Du hast gesagt:
Bis später.
Du hast mit ihr Erdbeeren gepflückt.
Muscheln gesammelt und Steine.
Ihr Sonnenuntergänge gezeigt.
Schau.
Du hast sie gewiegt und gewärmt.
Hast ihr alles gegeben. Mehr,
als du hattest.
Du hast alles von ihr ferngehalten.
Konntest ihn nicht fernhalten.
Abhalten.
Du kennst ihn nicht.
Du kannst ihn dir nicht vorstellen.
Kannst ihn nicht beschreiben.
Ist er ein Lehrer oder ein Arzt. Ein Dichter.
Ein Geistlicher. Ein Fallschirmspringer.
Angestellter. Anstreicher.
Spieler. Gärtner.
Totengräber.
Ist er groß oder klein. Schwer oder leicht.
Spricht er morgens mit seiner Mutter
oder dem Bäcker. Streichelt er
eine Frau oder einen Mann.
Ein Kind. Eine Katze.
Einen Hund.
Streichelt er sich selbst.
Du kennst seine Geschichte nicht und nicht sein Gesicht.
Seine Augen und seinen Mund. Vielleicht ist sein Lachen
gewinnend, vielleicht ist er intelligent, sicher hat er Mut.
Er sieht gerne Mädchen an. Vielleicht trifft er sie auch oder
er ist dazu nicht fähig. Vielleicht ist er gut im Vergessen.
Das wünschst du ihm nicht.
Und plötzlich steht er neben dir. Du spürst ihn.
Und wenn du jetzt weiterschreibst,
siehst du ihm auch ins Gesicht.
Er sitzt an der Bar und er spricht sie an. Es ist nur ein Getränk.
Sie spricht, sie lacht, sie trinkt. Er lässt sie nicht
aus den Augen, wartet, bis sie müde genug ist.
Er achtet auf den richtigen Moment.
Er ist achtsam.
Er nimmt ihre Hand, als sie sagt: Mir geht es nicht gut.
Er fängt sie auf. Er trägt sie. Er bettet sie weich.
Er zieht sie aus. Er zieht seine Hose hinunter.
Er rammt sich zuerst in ihren Mund und
dann in ihren Leib. Sie wimmert,
sie würgt.
Er hinterlässt seinen Geruch und sein Sperma.
Er betrachtet sie, bevor er die Tür schließt.
Er hält den Moment fest.
Verlässt das Haus.
Verliert sich in der Stadt, unter Menschen.
Sie wacht auf. Sie kann sich nicht bewegen.
Sie bleibt liegen bis zum Nachmittag.
Sie ist allein.
Ein Abstrich ergibt ein unklares Bild, ihre Beine zittern.
Du siehst ihr ausgeschabtes Fleisch. Ihr Blut.
Ihr Schwarz. Die roten Linien.
Du siehst jetzt dieses Bild.
Verbundene Körper,
ohne Flügel.
Du nimmst das Bild von der Wand.
Du überschreibst es. Du denkst:
Sie malt.



