Flora (Rampe 4/24)

Flora kommt mit dem Bus, sie greift nach dem Besen, sie greift nach dem Tuch. Wenigstens ihre Hände. Ihre Hände: Nichts weniger als.

Wie geht es, Frau.
Bitte Frau, Leiter nicht vergessen. Alles Gute, Frau.

Flora spricht am Morgen besser als am Abend, am Abend ist sie zu müde für die neuen Wörter. Wie gut, dass niemand Flora hört und Flora sieht. Der Geruch der gereinigten Oberflächen ist so flüchtig wie sie.
Auf Flora wartet jeden Tag neuer Staub, auf den Staub ist Verlass.

Flora ist eine Staubfängerin. Sie jagt den Staub, sie treibt ihn
vor sich her. Sie braucht den Schmutz eines jeden Tages,
jedes Staubkorn, jeden Liter Schmutzwasser, jede Schmutzwäsche. Flora trägt keine Handschuhe, wenn sie in heiße Laugen greift.

Kein Gefühl, Frau.

Seit einiger Zeit sind Floras Finger geschwollen, wenn sie morgens aufsteht. Vielleicht kommt das von der Nässe, der Kälte oder von den vielen Handgriffen. Wer weiß. Flora will nicht daran denken, was sein wird, wenn ihre Hände Unbeweglich werden und ihre Beine müde und schwer.

Noch sitzt jeder Handgriff. Noch verlangt Flora sich alles ab. Sie bückt sich, sie streckt sich, sie lehnt sich weit hinaus.

Am Abend massiert Flora ihre Hände. Sie weiß, dass gegen jedes Leid
ein Kraut gewachsen ist. Im Sommer gepflücktes Johanniskraut färbt das Öl in den Flaschen am Fenster rot. Ein Öl für die Gelenke und ein Öl für die Narben. Für den Magen und gegen die Angst. Nicht weiter denken. Nicht an die Nacht. Nur an den nächsten Staub und an den übernächsten.

Weiter braucht Flora nicht zu denken, denn das Denken bringt nur schlechte Träume
und vom Träumen kann Flora nicht leben. Flora lebt vom Staub. Sie lebt von ihren Händen. Ihre Hände: wenig genug.

Der Staub erzählt Geschichten und auch die Gegenstände.
Die großformatigen Bilder, die Flora betrachtet, während sie über Rahmen wischt.
Die fließenden Farben, ihr Verlauf. Als ob die Menschen sich scheuten vor dem Konkreten.

Auf den Kommoden: Kinder. Portraits von Paaren. Flora gibt Acht, dass ihr nichts aus der Hand fällt. Sie ist vorsichtig mit Glas und Porzellan.
Zu leicht geht etwas zu Bruch.

Flora riecht am Morgen noch die Nacht in den Räumen.
Sie riecht die Müdigkeit. Abgestandenes. Abgenütztes.
Der Geruch der fremden Träume. Fremde Angst.
Im Schweiß der zu Boden geworfenen Hemden: Eile und Zeder. Und in zerknitterten Seidenblusen: Damaszenerschwere.

Tagsüber stehen die Häuser leer.
In den weißen Küchen wird wenig gekocht und in den Betten wenig geschlafen. Flora lüftet am Morgen die verwaisten Häuser. Sie lässt Sonne in die Zimmer. Sie denkt, dass hauptsächlich die Geräte die Häuser bewohnen.
Die Geräte haben das Leben ihrer Besitzer einprogrammiert.
Sie leuchten und piepsen. Sie rühren und schleudern.
Sie dampfen und kühlen. Sie mähen, sie bewässern das Gras.
Die Geräte sind intelligent, sie wollen versorgt werden.
Gewartet und gefüttert. Geputzt.

In den Gärten gibt es wenig Blumen. Keine Obstbäume. Keinen Blütensturm und keine verwelkten Blätter. Keine aufplatzenden Früchte. Keine Wespen und
keine Ernte.

Im Sommer sind die Bewohner der Häuser auf Urlaub.
Sie können sich zuhause nicht erholen. Nicht abschalten, sagen sie. Flora kümmert sich dann auch um die Pools.
Kühlt dabei kurz ihre Beine im Wasser. Denkt.

An die Steinstufen. Die Echsen. Den Rosmarin.
Die eingerollten Katzen auf den gewärmten Mauern.
An die Blattrosetten der Königskerzen und das lila Eisenkraut, das durch die Gärten wandert. An die roten Geranien,
die Gießkanne.

Die Katzen.
Wer würde jetzt die Katzen füttern.
Fehlte Flora den Katzen und fehlt Flora dem Süden.

Oder haben die Katzen längst eine andere Futterstelle gefunden. Jemanden, der am Morgen verlässlich Milch wässert und sie zur Mauer bringt. Stufe für Stufe, wenn es noch kühl ist und die Milch nicht gleich verdirbt. Flora hat die Steinstufen nie gezählt, jetzt wünscht sie sich, sie hätte es einmal getan. Hinauf und hinunter.

Die Katzen, die jeden Tag im Schutz der Feigenbäume auf Flora warteten, um gierig die Schüsseln auszuschlecken. Die Feigen, die Flora zu einer klebrigen Marmelade einkochte, der Duft der Feigenblätter.

Die Katzen.
Lagen sie noch eingerollt auf südlichen Steinen.
Oder waren sie längst vertrieben worden, von einem, der Steine warf.

Ulrike Fellnhofer-Lamm

22

Ulrike Fellnhofer-Lamm

War auch die Mauer getroffen, eingestürzt wie das Haus. Nur mehr ein Steinhaufen, in dem Schlangen nisteten, sich satt und selbstvergessen sonnten.

Flora hört den Glockenschlag vom Kirchturm herüber, sie sieht
die Boote im Hafen. Hört das Schlagen der Wellen an der Kaimauer,
das Klackern der Masten im Wind. Sie geht die Bucht entlang. Dort findet sie jeden Tag einen neuen Stein, der ihr nicht bekannt vorkommt. Ein neues Grau, einen neuen Einschluss aus Muscheln und Pech.

Floras Insel. Dort war ihre Sprache selbstverständlich gewesen, bis hin zu den karstigen Bergen:

Du gehörst hier nicht mehr her.

Als sie aufgebrochen war, auf das Festland, da hatte sie noch schnell einen Stein in die Hosentasche gesteckt. Nichts weniger als ihre Hände und dieser Stein waren ihr geblieben: Dir gehört hier nichts.

Und doch jede Nacht die Fähre besteigen, eine Inseltochter sein. Den Rucksack schultern, die Steinstufen: hinauf und hinunter.
In Trümmern graben.

Nacht für Nacht den alten Mann bergen.
Wie klein er geworden war. Beinahe ohne Gewicht. Ihn mit sich forttragen: fortgehen.

Hinauf durch den Hain und dabei müde werden. Den Alten auf roter Erde unter einem Baum betten. Und bald schon würde die Fähre wieder ablegen und es würde hell werden. Und am Morgen
würde ihr immer noch das Meer
auf der Zunge liegen.

Flora steigt auf einen Sessel. Jetzt würde sie die Leiter brauchen. Sie könnte zur Tür gehen und Licht machen. Die Stufen würden ausgeleuchtet sein, aber unten würde es dunkel bleiben.

Der Bus ist voll, aber pünktlich. Es ist immer noch ungewöhnlich warm. Ein richtiger Sommer. Zuhause nimmt sie die angebratenen Paprika aus dem Kühlschrank. Sie stellt die Pfanne auf den Ofen und
schlägt ein Ei auf. Flora hat jetzt großen Hunger.

Sie isst schnell.

Am Balkon zupft sie Verblühtes von den Geranien. Wie gut sie rochen. Der Feigenbaum hatte noch einmal Früchte angesetzt. Vielleicht werden sie ausreifen, wenn die Wärme noch weiter andauert. Morgen,
sehr früh, wird Flora ihn gießen.

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