Bildgebende Verfahren (Rampe 2/24)

Ulrike Fellnhofer-Lamm wählt einen originellen Weg, Schmerz, Medizin und Musik zu verbinden: In der Kurzprosa „Bildgebende Verfahren“ muss sich die Protagonistin einer MRT-Untersuchung unterziehen. In der Röhre liegend, soll sie „an etwas Schönes“ denken. Sie hört Musik, „dunkle und helle Töne“, die unterschiedliche innere Bilder erzeugen. Bei Bruckners Streichquintett in F-Dur erfährt sie die Gleichzeitigkeit von „romantisch“ und „modern“, von „Resonanzkörper“ und „Schmerzkörper“. Den Schluss ihres Textes bilden ein „andante“, ein „rondo“ und ein „adagio“.

1. 

 

Ihr Gehirn spielt ihr vielleicht einen Streich.  

Ihr Gehirn will das Angelernte nicht vergessen.

Die Landstriche, die Gesichter, die Sätze.

Ausleeren. Auslassen. Ausmerzen.  

Wegstreichen. Wegschneiden. 

Gesagtes wie Gestrüpp. 

Und weiter?

 

Ein Schmerzgedächtnis?

Ein Schmerzgedächtnis ist hartnäckig, es vergisst nicht. 

Es ist eine Tiefe. Dunkle Töne, die darin verschwimmen.

Helle Töne, die durch Strömungen navigieren : Waltöne.

 

Einen Schmerz nicht vergessen.

Seinen Tonfall. Seine wellenförmige Melodie. 

Der Schmerz hat sich eingeschrieben und der Schmerz 

schreibt sich fort. Wann beginnt eine Geschichte.

 

Ihre zunehmende Verhärtung. Ihr Biegen und ihr Brechen. 

Erste Risse. In dieser Reihenfolge? Gegenwärtig : Mark und Bein. 

Ihr Rückenmark sendet ein Signal. Es ist ein Wal 

auf der Suche nach Nahrung. 

 

2.

 

Die Enge ausblenden: 

Denken Sie an etwas Schönes!

Sich einen Strand vorstellen, den Strand ihres besten Sommers,  

wild und steinern. Die Brandung rollt die Steine, treibt sie hinaus. 

Sie hört jetzt das Rollen, das Rauschen. Sie lauscht dem Meer, 

sie wiegt sich. Ein Wiegen wie früher, ein Schaukeln, Schlaf. 

 

Atmen Sie ruhig!

Die Liege bewegt sich. 

Sie kann nicht länger am Strand bleiben. 

Sie kann den Strand nicht mehr sehen. 

Der nächste Scan dauert vier Minuten!

 

Sie hört das Hämmern und möchte ihm einen weicheren Ton geben. 

Sie zählt. Vier mal sechzig Sekunden. Sie presst den Atem durch 

ihre Lungen. Der Strand. Sie hat die Augen fest geschlossen, 

aber sie hat den Strand verloren. Sie versucht, ihre Muskeln zu entspannen. 

Musik. Der nächste Scan dauert eine Minute!

 

Eine Minute und dann noch zwei Mal fünf Minuten und plötzlich 

ist das eine furchtbar lange Zeit. Sie bemüht sich ruhig zu bleiben 

und sie denkt dabei das Wort: Mühsal und weiter: mühselig. 

Sie will jetzt nicht weiterdenken, aber sie denkt natürlich 

das Wort Enge und dann denkt sie das Wort Sarg.  

 

Sie sollte nicht, sie darf nicht Sarg denken. 

Sie sollte besser wieder Strand denken. 

Aber irgendwann muss jeder das Wort Sarg denken und so für sich 

allein liegen und  was sind zehn Minuten gegen die Ewigkeit, 

und sie denkt, dass sie heute Nacht bestimmt 

Sargträume haben wird. Ihre Füße sind eiskalt.

Der nächste Scan dauert 5 Minuten. 

 

Die Schönheit des Strandes hatte sie damals sofort traurig gemacht. 

Weil im sehr Schönen für sie immer auch das sehr Traurige wohnt . 

Die anderen sahen es nicht oder wollten es nicht sehen. 

Sie sagten: Wir kommen wieder.

Aber sie hatte auf das Meer geblickt und war glücklich und 

traurig. Für sie ging an diesem Strand etwas zu Ende.

 

Sie saß dort, auf jener Insel ganz selbstverständlich auf warmen Steinen. 

Sie wärmte sich. Sie war schwimmen, hatte sich durch die Brandung gekämpft.

Sie bewegte ihre Beine. Sie bog und streckte sie. 

Sie drehte ihre Füße nach links und nach rechts. 

Sie nahm keine Notiz davon.

Sie war schmerz:frei.

 

Die Liege bewegt sich und sie wird aus der Röhre geschoben.

Die Assistentin hilft ihr beim Aufstehen. Sie sagt: 

Wir haben schöne Bilder gemacht!

 

3. 

 

Bruckners Streichquartett in F-Dur.  

Sie denkt: romantisch, denkt: modern. Denkt: Wie passt das zueinander?

Sie weiß jetzt, dass die Musik bleibt. Die Musik ist da, wenn es dämmert,

wenn es dunkel wird und wenn man unerwartet liegen bleibt wie 

ein Stein. Wenn der Stein sich nicht mehr rollen lässt.

 

Ein Konzertabend nach einer langen Zeit. 

Die Hände der Musiker. Bogenstriche. Griffe. 

Wippende Füße. Sie wippt jetzt auch mit einem Fuß.

Sie wippt mit ihrem guten Fuß und sie wippt mit ihrem schlechten.

Sie ist ein Resonanzkörper und ein Schmerzkörper.

Ein Glück und ein Unglück.

Romantisch und modern. 

 

Das Klatschen reißt sie aus ihren Gedanken. 

Die Musik ist verstummt: Pause.

Ja, man kann das Gehen verlernen und das Reden.  

Die Ausreden und die Ausflüchte. Man findet nicht mehr 

die richtigen Worte. Man ist gleichzeitig ein Ausfall 

und ein Vorfall. 

 

 

Sie steht auf, sie geht. Sie denkt: Noten, gespielt von Händen. 

Wer hatte geglaubt,  dass Bildschirme Menschen ersetzen können. 

Bildschirme geben Bilder, aber was ist ein Bild gegen eine Hand, 

eine Berührung, einen Blick. All die Bildschirme in geschlossenen Räumen.  

Die darin eingesperrten Menschen. Die ausgesperrte Welt.  

Was für ein Verlust: an Freude, an Glück.

 

Sie hofft, dass die Pause bald vorbei ist.  

Die Beschäftigung zwischen den Tönen, das Verlieren des Tonfalls.  

Eine Melodie im Kopf genügt nicht.  

Man muss sie auch spielen.  

 

4.

 

morgenstille: niemals still, morgenstimme

aurora singt mit zephiren, sie spricht 

mit amseln: andate

 

morgenröte: eine brennende linie

ein krümmen, ein drehen, ein wenden

löschversuche: lächerlich

 

und wieder fällt licht auf wasser

rasche registerwechsel: mehrstimmiges

rot: rondo

 

ein ruhiges fließen, ein weißes blatt: adagio

sie taucht feder in farbe

schwarze tori: wie wirbel-

körper

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